Behind the Desk: Generali Zukunftsfonds – Uwe Amrhein

On 22. März 2015 by Anna

Die Förder- und Finanzierungslandschaft für Sozialunternehmen und Social Start-Ups in Deutschland befindet sich gewissermaßen noch im Aufbau und mit ihr eine souveräne Gründungs- und Bewerbungspraxis, wenn es um die Suche nach den richtigen Finanzierungspartnern geht.
Deshalb soll an dieser Stelle regelmäßig eine Entscheidungsperson aus Stiftungen, Beteiligungsgesellschaften und Förderprogrammen zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen, ihrer Arbeit und ihren Anforderungen bei der Bewerberauswahl erzählen.

Im Generali Zukunftsfonds bündelt die Generali Gruppe als zweitgrößter Versicherer in Deutschland die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Der Fokus dabei richtet sich auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und die Frage, wie sich die Potenziale einer alternden Gesellschaft besser als bisher erschließen lassen.

Der Zukunftsfonds will nur Förderer sein, sondern Vernetzer und Change-Manager. Er initiiert und fördert Kooperationen zwischen gemeinnützigen Organisationen, sozialen Initiativen, Staat und Wirtschaft, die das Potenzial haben, den sozialen Wandel entscheidend mitzugestalten. Außerdem beauftragt er wissenschaftliche Studien und Publikationen, nimmt aktiv am öffentlichen Diskurs zu den Themen Demografie und Bürgerengagement teil und schafft Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit einer langfristigen und glaubwürdigen Demografiepolitik.

Uwe Amrhein ist gelernter Journalist, hat als Chefredakteur eine Tageszeitung geführt, später als Pressesprecher die Kommunikationsabteilungen eines Landkreises und einer großen, internationalen Anwaltskanzlei geleitet. 2007 baute er in Berlin die Stiftung Bürgermut auf, bevor er Ende 2012 in das Leiterteam des Generali Zukunftsfonds berufen wurde.

 
Welche Formen der Finanzierung und Unterstützung bieten Sie an?

Als Unternehmen sind wir bei der Wahl unserer Förderinstrumente im Vergleich zu Stiftungen und der öffentlichen Hand recht ziemlich frei und flexibel. Die Palette der Möglichkeiten reicht von der klassischen Spende zur Infrastrukturfinanzierung bis zur Übernahme bestimmter Kosten unserer geförderten Partner oder zum Pro-Bono-Einsatz unserer Mitarbeiter.

 
Welche Voraussetzungen muss ein Projekt mitbringen, um Sie als Förderpartner zu gewinnen?

Solche formellen Kriterien sind in der Regel das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Letztlich sind es immer wieder Menschen, die überzeugen und begeistern müssen… mit ihrer Integrität, ihrer Tatkraft, ihrer Konzeptions- und Durchsetzungsstärke, ihrer Beharrlichkeit und natürlich ihrem Umfeld. Am Ende geht es um Vertrauen. Wir sollten alle mehr Mut haben, den Businessplan auch mal beiseite zu legen.

 
In welchem Unternehmensstadium fördern Sie das Projekt?

Wir interessieren uns besonders für die Verstetigung und Verbreitung bereits bewährter Lösungen. Seien wir ehrlich: Wer braucht noch neue Leuchttürme? Diese ganze Innovationslyrik bedient Eitelkeiten, bewegt aber zumeist doch nur immer dasselbe Rad. Der Social-Business-Bereich ist da besonders anfällig.

 
Auf welche formalen und inhaltlichen Kriterien achten Sie bei Bewerbungen besonders?

Ich erwarte Ehrlichkeit und Distanz zu diesem Weltretter-Hype. Anders ausgedrückt: eine realistische und im Zweifelsfall eher bescheidene Einschätzung der eigenen Interventionsmöglichkeiten. Lieber ein kleines Rad drehen, und das dann richtig gut. So kann man auch mal klein starten, ohne gleich eine riesige Geschäftsstelle aufzubauen, die einen dann nur lähmt und abhängig von Förderern macht.

Dann finde ich es wichtig, belastbare Kooperationen aufzuzeigen: Von wem hat der Antragsteller gelernt, ja, gerne sogar abgeguckt? Wer steht ihm definitiv zur Seite? Gibt es weitere Förderer? Lassen sich Teilaufgaben auslagern? Wer alles selbst erfinden und umsetzen kann, ist mir erst einmal verdächtig.

Transparenz und Kooperationsfähigkeit: das begeistert mich.

 
Was sind wiederkehrende Fehler, welche Ihnen bei den bisherigen Bewerbungen auffallen?

Mich wundert immer wieder, wie viele Organisationen und Sozialunternehmer noch im Personalstellen-Denken verharren. Da werden riesige Projekte definiert für die vielfältigen Aufgaben geradezu reflexhaft anderthalb Vollzeit-Mitarbeiter als vollsubventionierte Ressource beantragt. Diese armen Menschen müssen dann alles können: Planung, Personal, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit, Projektplanung- und Umsetzung… Kein Wunder, dass am Ende so wenige soziale Innovationen wirklich erfolgreich und nachhaltig funktionieren.

Die Konzepte, in denen die Antragsteller auf smarte Lösungen und Kooperationen setzen, intelligente Arbeitspakete schnüren, einen Mix aus Professionals und Freiwilligen aufbauen, Crowd-Sourcing mit einbauen und Pro-Bono-Leistungen nachfragen, sind die große Ausnahme.

 
Für junge Gründer ist die Erstellung eines Finanzplanes die größte Herausforderung. Was sollte im Finanzplan nun wirklich vorhanden bzw. ersichtlich sein? Auf welche Kennzahlen legen Sie besonderen Wert?

Ich finde es wichtig, dass Struktur- und Overheadkosten realistisch geplant und transparent dargestellt sind. Irgendwann ist der Begriff Overhead bei Förderern mal in Verruf geraten. Zu Unrecht, wie ich finde.

Außerdem ist die Perspektive wichtig. Jeder Förderer stellt heute die Frage: „Was geschieht, wenn wir wieder gehen?“ Die Antwort darauf muss nicht perfekt, nicht allumfassend und ihr Eintreten nicht garantiert sein. Aber es ist wichtig, dass im Antrag deutlich wird, dass man sich damit seriös beschäftigt hat.

Auch dabei ist übrigens wieder Ehrlichkeit und Realitätssinn gefragt. Die hundertprozentige Eigenfinanzierung nach drei Jahren ist doch ein Phantom. Das schafft ja kaum ein vollkommerzielles Startup. Wieso sollten wir es dann von Sozialunternehmen erwarten? Aber vielleicht gelingt ein vielversprechender Mix aus ersten Erträgen, neuen Förderern, und Crowdfunding.

 
Gibt es Veränderungen oder Trends bei der Art der Projekten und den Bewerbungen, welche Sie die letzten Jahre feststellen können?

Die Szene professionalisiert sich schon spürbar in der Konzeption, Planung und Darstellung ihrer Vorhaben. Das ist insgesamt gut und wichtig. Aber manchmal vermisse ich die einfach und praktisch zupackenden Rockstars. Es wäre schade, wenn wir am Ende mehr Plattformen und Barcamps als erfolgreiche Lösungen hätten.

 
Haben Sie noch ein paar Expertentipps für Sozialunternehmer auf der Suche nach Finanzierungspartnern?

Sucht immer wieder die Antwort auf die gleiche Frage: „Wer fühlt den gleichen Schmerz?“ Bringt diese Menschen und Organisationen zusammen. Schenkt ihnen Eure „Patente“ und erschafft damit eine möglichst breite Kooperationslandschaft. Beginnt mit gemeinsam mit anderen mit der Umsetzung der Ideen, ohne auf das Geld zu warten. Bringt Euren Zug ins Rollen – denn nur dann fährt er etwas ein.

 

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