Behind the desk: Stiftung BMW Herbert Quandt – Ryan Little

On 6. März 2015 by Anna

Die Förder- und Finanzierungslandschaft für Sozialunternehmen und Social Start-Ups in Deutschland befindet sich gewissermaßen noch im Aufbau und mit ihr eine souveräne Gründungs- und Bewerbungspraxis, wenn es um die Suche nach den richtigen Finanzierungspartnern geht.
Deshalb soll an dieser Stelle regelmäßig eine Entscheidungsperson aus
Stiftungen, Beteiligungsgesellschaften und Förderprogrammen zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen, ihrer Arbeit und ihren Anforderungen bei der Bewerberauswahlerzählen.

Die BMW Stiftung Herbert Quandt ist im Bereich Social Entrepreneurship und Venture Philanthropy (u.a.) eine der wichtigsten Unterstützer und Förderer in der dt. Stiftungslandschaft. Die Stiftung arbeitet vor allem als vernetzender und vermittelnder Akteur zwischen Verbänden und Organisationen, die in diesem Umfeld aktiv sind. Sie unterstützt einzelne Sozialunternehmen und NGOs, fokussiert sich aber hauptsächlich darauf, die Akzeptanz von Social Entrepreneurship und Venture Philanthropy zu erhöhen. Darüber hinaus fördert sie die Vernetzung mit Unternehmen, privaten Investoren, Staat und Verwaltung in diesen Themenfeldern.

Hier ist Ryan Little aus Toronto seit 2014 als Projektmanager in Berlin tätig. Seine Expertise in Sachen Sozialunternehmertum und Gründungen sind seinen eigenen langjährigen Erfahrungen als Unternehmer geschuldet. Er hat u.a. die kanadische Spendenplattform CanadaHelps gegründet und arbeitet derzeit als Co-Founderdes Biogas-Anlagenherstellers StormFisher.

 

– Welche Voraussetzungen muss ein Start-Up erfüllen, um von der BMW Stiftung gefördert zu werden?

Da wir eine relativ kleine Stiftung sind (wenn auch mit einem großen Namen), fördern wir jedes Jahr eine eher geringe Anzahl an Social Start-Ups. Wir arbeiten mit den Organisationen zunächst einmal in einem nicht-finanziellen Rahmen. Unter anderem helfen wir ihnen bei ihrer Strategieentwicklung. Außerdem haben wir ein starkes, weltweites Netzwerk von 1.800 Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, die über die Jahre an unseren Responsible-Leaders-Programmen teilgenommen haben. Mit diesen Menschen setzen wir die Social Start-Ups in Verbindung.. Wir haben spezielle Programme, wie die Impact Circles oder Impact Sessions, wo wir junge Start-Ups mit Entwicklern, Beratern, Verantwortlichen und anderen Akteuren aus der Wirtschaft für ein oder zwei Tage an ihrer Strategie arbeiten lassen. Diese Zusammenarbeit läuft meistens nach dem Workshop auf verschiedenen Ebenen eigenständig weiter.

Wir bieten, aus fester Überzeugung, erst einmal unsere nicht-finanziellen Ressourcen an, bevor wir finanziell fördern. Denn langfristig sollen die Organisationen unabhängig und eigenständig arbeiten. In einem zweiten Schritt gibt es dann die Möglichkeit, sie auch mit Fördergeldern auszustatten. Dabei können die Organisationen aus allen möglichen Bereichen kommen, sich in sämtlichen Entwicklungsstadien befinden und die unterschiedlichsten Strukturen, Hintergründe, Teams, Rechtsformen etc. mitbringen. Solange die Förderung mit unserer Stiftungssatzung vereinbar ist, können wir sie unterstützen.

 

– Wie sieht die finanzielle Förderung dann genauer aus?

Typischerweise sind es kleine Zuschüsse, die meist über ein Jahr hinausgehen. Mittlerweile versuchen wir auch des öfteren, Organisationen mithilfe von Impact Investment statt ausschließlich durch unser Jahresbudget zu unterstützen. Aktuell haben wir 15% unseres Stiftungsvermögens auf diese Weise umgeschichtet. Wenn das jede Stiftung in Deutschland so machen würde, würde das einen Pool von schätzungsweise 15 Milliarden Euro generieren, welcher dem Sektor als Investitionskapital zur Verfügung steht. Verglichen mit den ungefähr 3 Milliarden Euro, welche momentan in Form von Förderungen vorhanden sind, könnte dies die Möglichkeiten der Sozialunternehmen in Deutschland erheblich verbessern.

 

– Womit kann Dich ein Bewerber überzeugen?

Die erste Frage, welche ich üblicherweise stelle ist: Wer, außer dir, arbeitet noch an der Lösung des Problems und was machst du anders? Diese Frage alleine gibt mir zwar noch keinen Aufschluss darüber, ob der Bewerber in Frage kommt, aber sie beantwortet mir innerhalb von fünf Minuten, wie gut der Bewerber das Feld, in welchem er arbeitet, kennt und wie durchdacht seine Strategie ist.

Häufig präsentieren Gründer ihre Ideen, indem sie sehr detailliert die Probleme, wie Zugang zu sauberen Wasser, Müllverarbeitung, Hunger etc. beschreiben. Doch die Probleme sind meist bekannt genug. Ich als Förderer möchte eher wissen, ob die Organisation das Problem auf eine andere Weise angehen will und ob es vielleicht etwas besonderes in ihrem Konzept geben könnte, was andere Organisationen nicht mitbringen. Wenn die potentiellen Kandidaten diese Frage nicht beantworten können, versuche ich ihnen zu helfen, eine Lösung zu finden. Falls sie anschließend zwar von ihrer Sache überzeugt sind, jedoch weiterhin keine innovative Herangehensweise zu finden ist, ermutige ich sie, sich bereits existierenden Organisationen anzuschließen, da sie dadurch Verwaltungs- und andere Administrationskosten einsparen könnten.

 

– Was sind geläufige Fehler, welche Bewerber machen oder was ist sogar ein absolutes No-Go?

Es gibt natürlich so einige Fallen. Aber ein wiederkehrender Denkfehler ist, wenn sich Bewerber zu stark auf die Leistungen (Output) konzentrieren und dabei die Ergebnisse (Outcome) und die gesellschaftliche Wirkung (Impact)aus dem Blick verlieren. Ein Beispiel: Mittlerweile gibt es eine ganze Menge angehender Sozialunternehmer, die an einer App oder an einer Online-Plattform arbeiten und die letztlich die technische Seite ihrer Entwicklung zu sehr in den Vordergrund stellen.

Eine Stiftung ist interessiert eine App oder Plattform dann zu fördern, wenn diese ein gewisses Potential hat, eine spezifische Zielgruppe mit einem direkten Bezug zu einem sozialen oder umweltbezogenen Problem zu erreichen. Die daraus folgenden Ergebnisse sollten nachweisbar und messbar ist. Es gibt eine großartige Organisation aus Berlin namens Jourvie, die eine App für Menschen mit Essstörungen entwickelt hat. Damit lassen sich die unhandlichen und in der Öffentlichkeit unangenehm auszufüllenden Diät-Tagebücher ersetzen. Wenn ich mir ihr Businessmodel ansehe, kann ich sofort erkennen, wie es für die Zielgruppe von Menschen mit Anorexie und Bulimie einfacher und bequemer anzuwenden ist. Es führt zu einer verbesserten und lückenloseren Datenerhebung und somit zu gesünderen Patienten und weniger Besuchen beim Doktor. Das ist viel überzeugender als eine App, welche zwar dieses und jenes Feature hat, wo man jedoch nicht nachvollziehen kann, wie das nun eindeutig und unmittelbar einen positiven Einfluss auf die Zielgruppe hat.

 

– Gesellschaftliche Wirkung vs. Return. Worauf kommt es an?

Hinsichtlich unseres Förderprogramms – die gesellschaftliche Wirkung. Bezogen auf das Impact Investment sind wir gesetzlich an den Kapitalerhalt unseres Stiftungsvermögens gebunden und suchen deshalb zwangsläufig nach beidem. Als Impact Investor bedeutet das jedoch, dass wir in Unternehmen investieren, an welchen eine Bank vielleicht kein Interesse hätte.

 

– Innerhalb des Businessplans oder einer Bewerbung ist der Finanzplan meist die größte Herausforderung. Hast du ein paar Ratschläge?

Suche dir Unterstützung! Als Sozialunternehmer kann man von dir nicht erwarten, dass du alles weißt und es gibt da draußen genug Menschen, die in der Unternehmensberatung, in der Buchhaltung, im Bankwesen oder anderen Bereichen arbeiten und die überaus gerne einem Sozialunternehmen weiterhelfen. In Ländern wie den USA gibt es auf Unternehmerseite eine lange Tradition, gemeinnützigen Organisationen unentgeltlich Expertise bereitzustellen. Das nennt sich Pro bono. Wir sind Unterstützer einer großartigen, Organisation namens Proboneo, welche sich darauf spezialisiert hat, innerhalb Deutschlands solche Verbindungen herzustellen.

Nimm dir die Zeit, um die Finanzen deiner Organisationen wirklich zu verstehen und – sehr wichtig – was die Schlüsselfaktoren sind, um die Organisation nachhaltig zu finanzieren. Du solltest in der Lage sein, die Frage zu beantworten, wann dein Unternehmen den Break-even-point erreicht und nicht länger durch Dritte gefördert werden muss (oder zumindest inwieweit sich die externe Förderung mit der Zeit verringern könnte). Außerdem wichtig: Was ist dein Finanzbedarf für die nächsten drei bis fünf Jahre und vor allem für was genau benötigst du die Förderung oder das Kapital, welches du angefragt hast?

 

– Gibt es Veränderungen bei den Projekten / Bewerbungen, welche du die letzten Jahre beobachten konntest?

Der Druck auf Organisationen, auf die Dauer selbsterhaltend zu arbeiten, ist die letzten Jahre gestiegen. Für viele Organisationen ist dies eine ziemliche Herausforderung. Aus der Sicht eines Förderers ist es jedoch viel attraktiver eine Organisation zu unterstützen, welche ernsthaft versucht einen Weg zur langfristigen Eigenständigkeit zu finden. Denn nur so kann sie nach Jahren der Förderung weiterarbeitet und sozialen Mehrwert generieren.

Es gibt mittlerweile auch mehr konkurrierende Förderanfragen, was bedeutet, dass Organisationen den Social Return on Investment (SROI) auch darlegen können müssen. Eine sehr hilfreiche Quelle für die Ermittlung ist der Impact Investing Reporting Standard (GIIRS) und die Datenbank des Global Impact Investing Networks (IRIS), sowie der Social Reporting Standard.

 

– Hast du noch ein paar Tipps für Bewerber?

Ein paar Hinweise:

a) Packe deinen Präsentation in eine Geschichte (Story Telling) – Die Menschen sind für das, was du zu sagen hast empfänglicher, wenn du es richtig gut erzählen kannst.

b) Gestalte die Präsentation interessant und mit Leidenschaft – Ich sehe viele Bewerbungen und diejenigen, welche herausstechen, sind jene, wo ich etwas Neues lerne.

c) Versuche die Geschichte in 30 Sekunden, 15 Minuten oder in einer Stunde zu erzählen und dabei die Kernbotschaft jedes Mal deutlich zu vermitteln.

d) Falls du von einer technologisch unterstützten Lösung redest, versuche sie so einfach wie möglich zu halten und die technologischen Aspekte nur soweit wie nötig vorzustellen.

Ich rate Gründern immer im Auge zu behalten, ob ihre Präsentation den „Großmuttertest“ bestehen könnte: Wenn du es nicht auf eine Weise erklären kannst, die deine Großmutter verstehen würde, machst du die Sache zu kompliziert. Dass sich einmal ein Sozialunternehmen diesen Rat wirklich zu Herzen genommen haben, konnte ich feststellen, als sie mir erzählten, dass sie ihre gesamte Familie zu einer Pitch Session eingeladen hatten.

 

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