Eine unternehmerische Methode für nachhaltige Start-Ups – Effectuation

On 30. Oktober 2013 by Anna

Wenn man von Unternehmensstrategie spricht, dann meint man damit meist die langfristige Ausrichtung der unternehmerischen Handlungen – Ein Maßnahmenkatalog zur Erreichung definierter Ziele.

MBA-Absolventen haben gelernt, das Risiko zu kalkulieren und gewinnbringend einzusetzen. Dass das nicht immer gut geht, zeigen bekannte Krisen der jüngsten Wirtschaftsgeschichte.

Im Denken des Social Entrepreneurings, wo die Regel der Gewinnmaximierung nicht mehr gilt, sind auch alte Schulen der linearen Risiko-Ertragskausalität nicht zwangsläufig gültig. Nachhaltiges, unternehmerisches Handeln erfordert also auch alternative Handlungsmodelle. Eine davon, soll hier vorgestellt werden.

 

Effectuation ist eine wirtschaftliche Denk- und Handlungsweise, welche unternehmerische Gelegenheiten aktiv entwickelt, anstatt sie zu suchen.

Diese Strategie geht dabei von einer ungewissen Zukunft aus, setzt zur Verfügung stehende Mittel ein, um neue Partnerschaften mit neuen Möglichkeiten einzugehen, woraus neue Ideen und Perspektiven entstehen. Das Ganze ist ein ständig zirkulierender Prozess, der sich den unerwarteten Umständen und einer ungewissen Zukunft anpassen kann und zudem eine Quelle für Innovationen ist.

 

 

Prinzip 1 – Mittelorientierung

Weil der Social Entrepreneur die Zukunft als ungewiss betrachtet, legt er keine vordefinierten Ziele fest, sondern kann sich ganz auf die ihm zur Verfügung stehenden Mittel konzentrieren. Dabei stellt er sich folgende Fragen:

– Was habe ich?

– Was kann ich?

– Wen kenne ich?

Effectuation funktioniert MITTELORIENTIERT anstatt ZIELORIENTIERT.

Eine der größten Gründungshürden, nämlich fehlende finanzielle Ausstattung, wird somit ausgehebelt. Man startet quasi durch „Bootstrapping“ mit allem, was vorhanden ist. Geschäftsideen, welche nur durch größere Investitionen möglich zu sein scheinen, müssen anfänglich einfach in kleinere Einheiten heruntergebrochen werden, bzw. können nur soweit umgesetzt werden, „wie einen, die eigenen Füße tragen“. Keine Sorge, Unterstützung kommt bald.

 

Prinzip 2 – Steuerung

Diese Mittelorientierung hat auch einen wesentlichen Einfluss auf die Unternehmenssteuerung. Bei Effectuation gilt das Prinzip: „Umwelt ist gestaltbar, Ziele verhandelbar, die Zukunft ungewiss.“

Während also ein Businessplan nicht mehr ist, als eine grobe Skizzierung dessen, wo es hingehen könnte, zählt hier vor allem der kreative Prozess.

Die bereits eruierten Mittel, Potentiale und Partnerschaften bilden Modelle möglicher Kombinationen und werden vorsichtig erprobt. Dies führt unweigerlich zu neuen Möglichkeiten und Partnerschaften, welche wiederum Einfluss auf die Ursprungsidee haben werden. Dieser zirkulative, dynamische Prozess widerspricht der sonst üblichen Top-Down-Methode, wo das vorgegebene Ziel, die große Konstante der Unternehmung ist. Das Ganze erinnert auch an das sog. „Lean Start-Up“. Das bedeutet ganz simpel ausgedrückt: Man startet einfach mal, ohne große Planung; eher klein und risikoarm, dafür recht experimentell und offen für alles, was kommt.

 

Prinzip 4 – Umstände und Zufälle nutzen

Es ist eher üblich, sich gegen Risiken rundherum abzusichern und wirtschaftlich Unvorhersehbares irgendwie voraus zu berechnen. Bei Effectuation gelten Umstände, Zufälle und Unfälle jedoch als das was sie sind – als Quellen der Innovation. Verpasste Chancen sprechen dafür, dass man sich zu stur auf ein starres Ziel konzentriert hat. Dabei hört man so oft „zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.“ Überraschungen, sogar Krisen, bergen oftmals erstaunliche Inspirationen. Die hohe Kunst des kreativen Denkens kann sich jedoch nur da entfalten, wo das Projekt und seine Teilnehmer aufgeschlossen bleiben für Neues.

Ziel ist es, diese Offenheit zur Routine im Umgang mit Unerwartetem zu kultivieren. Mit dieser Routine ist man dann auch imstande, mit der Situation, anstatt gegen sie zu arbeiten. Und die damit erreichte Flexibilität ist es letztlich, was das Unternehmen in Zukunft relativ krisenfest machen kann.

 

Prinzip 3 – Leistbarer Verlust

Also bedeutet das auch: Keine Angst vor dem Risiko. Allerdings nur unter der Prämisse, dass dieses in einem verträglichen Rahmen eingegangen wird.

Aus der Finanzbranche kennt man das Postulat der Risiko-Ertragskurve – der Ertrag steigt mit steigendem Risiko. Als Social Entrepreneur strebt man jedoch kein kompromissloses Wachstum an, sondern ein nachhaltiges. Das bedeutet, dass man immer nur das investiert, was man auch bereit ist, unter Umständen zu verlieren. So bleibt man handlungsfähig und kann mit der Entwicklung und der Macht der kleinen Schritte den Umfang der Ungewissheiten langsam abbauen. In der Praxis bedeutet das für Umsatzentwicklung und Skalierung: Abwägend, Ausgeglichen und Achtsam. Das klingt nicht unbedingt nach New Economy und soll es auch garnicht.

 

Prinzip 5 – Partnerschaften

Bei Effectuation gilt das Prinzip der Öffnung nach Aussen. Anstatt viel Zeit und Energien dafür aufzubringen, Kooperationspartner zu umwerben und Mitstreiter zu rekrutieren, öffnet man alle Kanäle des Dialoges und Ideentausches. Man kann darauf vertrauen, dass diejenigen, welche Hilfe und Ideen bereits während des Gestaltungsprozesses anbieten, genau die richtigen Partner für neue Synergien sind. Durch gemeinsame Kommunikation und dem Teilen von Ressourcen wird dann das Ziel durch Co-Creation entwickelt.

Mit jedem Partner kann sich das Spielfeld erweitern und sogar ändern. Neue Möglichkeiten und Expansionen eröffnen sich dabei ebenso, wie neue Bedingungen und Ideen.

 

 

 

Drei Thesen, warum die Methode des Effectuation sich für Social Start-Ups besonders eignet:

 

1) I.d.R. werden bestimmte Quartals,- oder Jahresziele vorgeben, welche dann mit sämtlichen, zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt werden. Diese vordefinierten Ziele sind meistens recht ehrgeizig. Doch wer nur ein Ziel vor Augen hat, verliert schnell den Blick für das Wesentliche; und das hat schon zu so manchen dramatischen Entwicklungen geführt. Der Social Entrepreneur orientiert sich nicht an unumstößlichen Zielen, sondern handelt mit den Ressourcen, die Ihm zur Verfügung stehen: sich selber, den Mitmenschen und der Umwelt – sinnvoll und nachhaltig.

 

2) Ein klassisches Unternehmen ist eher mit einer begrenzten Anzahl von unbekannten Größen konfrontiert. Für das angebotene Produkt gibt es einen definierten Markt mit bekannten Marktteilnehmern, bestimmten Zielgruppen, erörterten Prognosen und Preisentwicklungen etc. Doch je innovativer das Unternehmen, desto unkalkulierbarer werden diese Umstände und damit die Zukunft.

Social Entrepreneurs handeln meistens mit sozialen Innovationen. Einer Innovation immanent ist, dass es dafür noch keine bekannten Marktgrößen, sondern diese erst im Versuch gefunden werdne müssen. Diese Ungewissheiten birgt sowohl Chancen, als auch Risiken auf welche flexible eingegangen werden muss.

 

3) Um die Zukunft, ihre Risiken und Möglichkeiten, sowie die Machbarkeit der Ziele abzuschätzen, benötigt ein Unternehmen a) Erfahrung und b) einen Stab an Business Analysts. Wir gehen davon aus, dass die meisten Social Enterprises zumindest eines davon nicht besitzen, weshalb sich hier die Frage von vornherein anders stellen muss. Auch stehen Gründern in jeder Hinsicht nur knappe Ressourcen und wenig Erfahrungswerte zur Verfügung. Hier sind große unternehmerische Risiken weniger empfehlenswert, als eine kreative, adaptive Herangehensweise.

 

 

 

Weitere Informationen:

http://www.effectuation.at

Michael Faschingbauer, TedX Salzburg

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