Interview mit Felix Weth von Fairnopoly zu Genossenschaft 2.0

On 23. Juli 2013 by Anna

Fairnopoly hat es sich zum Ziel gemacht, eine Handelsplattform zu gründen, deren Statuten auf fairen Prinzipien beruhen.  Das Ergebnis ist eine innovative Geschäftsform, die das Wesen der Genossenschaft ein bisschen reformiert. Unter dem Begriff „Genossenschaft 2.0“ schafft es das Team seitdem ein neues Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften aufzubauen und die modernen Aspekte der Genossenschaft publik zu machen. 

Ich habe den Gründer, Felix Weth, im neuen Büro von Fairnopoly besucht und mich über fairen Handel, demokratische Wirtschaft und den Aufbau einer Genossenschaft unterhalten.

 

Wie kam es zu der Idee für Fairnopoly?

Ich komme eigentlich aus dem NGO-Bereich und war zunächst kein Genossenschafts-Spezialist. Aber es gab den Willen, ein Sozialunternehmen zu gründen, was ein Netzwerk von Aktivisten, die sich gegen Korruption einsetzen, finanzieren könnte. Dafür wollten wir ein Unternehmen gründen, dass sich langfristig selbst tragen und eine nachhaltige unabhängige Finanzierung gewährleistet. Dieses Ziel ist weitererhalten geblieben.

Schon vorher hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man Menschen die von einer Sache unter verschiedenen Kontexten betroffen sind, bzw. darin involviert sind, einbinden kann. Die erste Idee, die ich dazu hatte war etwas absurd. Es ging darum, wie man eine Eisenbahn in Ost-Kongo finanzieren könnte und gleichzeitig die Leute vor Ort teilhaben zu lassen. Es gab auch die Idee einer Mikro-Kredit-Bank, die den Leuten selbst gehört, sowohl den Finanzgebern als auch den Finanznehmern.

Und letztlich kam dann die Idee, wie man Ebay neu aufziehen könnte. Was zählt war die automatische Beteiligung aller Betroffenen und da bietet sich ein Marktplatz besonders an.

 

Kannst du kurz erklären, wie das System der Genossenschaft 2.0 funktioniert?

Wichtig dabei ist die Frage, wie man ein großes Unternehmen  gemeinsam mit vielen Leuten und ohne große Investoren aufzieht. Und auch dadurch das Spiel umdreht, indem man sagt: Es geht nicht darum, dass diejenigen, die bereits viel Geld haben, ein Unternehmen aufbauen um daraus noch mehr Geld zu generieren. Es sollten sich viele Leute dafür einsetzen, dass das Unternehmen gegründet wird und diese sollen dann auch an den Gewinnerfolgen des Unternehmens beteiligt werden. Das passt natürlich zur Genossenschaftsidee und wir haben das ganze mit unserem Fair Founding Modell abgebildet. D.h. alle, die sich in der Gründungsphase einsetzen, erhalten für ihren geleisteten Stundeneinsatz den gleichen Satz an Founding Points. 25% der Überschüsse, die das Unternehmen machen wird, werden so unter allen Mitwirkenden aufgeteilt. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt des Genossenschaft 2.0 Modells, denn dadurch wird gewährleistet, dass man nicht erst starkes Finanzkapital benötigt, um sich am Unternehmen zu beteiligen, sondern dies auch durch Arbeitszeit, die man investiert, erreicht.

Ursprünglich war auch für die Marktteilnehmer, welche für ihren Handel auf der Plattform die Fair Share Points erhalten, eine entsprechende Genossenschaftsmitgliedschaft gedacht. Allerdings gibt es hier das Problem, dass innerhalb des deutschen Genossenschaftsrechts, Mitglieder eine handschriftliche Beitrittserklärung leisten müssen und dies in einem virtuellen Marktplatz mit tausenden von Marktteilnehmern nicht mehr handhabbar ist. Wir haben die Situation soweit lösen können, dass man insofern durch die FSP am Unternehmen beteiligt wird, indem man mitbestimmen kann wofür ein Teil des Unternehmensgewinnes verwendet wird. Denn weitere 25% des Gewinnes werden an gemeinnützige Organisationen gespendet. Somit haben wir auch hier eine Form von Beteiligung am Unternehmensgeschehen.

 

Eine andere Seite des Genossenschaft 2.0-Modells ist, dass man das Unternehmen nach ethischen Richtlinien führt.

Die Rechtsform der Genossenschaft ist ja per se nicht unbedingt auf Fairness ausgelegt, auch wenn der demokratische Gedanke hier ein fester Bestandteil ist. Einige recht konventionelle Banken und Großhandelsunternehmen sind ja schließlich auch Genossenschaften. Also haben wir unsere Genossenschaftssatzung von vornherein so aufgestellt, dass sie in verschiedenen Punkten die besagte Fairness anstrebt. Dabei haben wir bisher 12 Grundprinzipien für das Modell identifiziert. So zum Beispiel beim Gehalt. Hier darf das höchste Gehalt nicht größer sein als das Dreifache des niedrigsten Gehaltes. Ganz wichtig ist in meinen Augen auch die demokratische Einbindung der Mitarbeiter/innen. Wir haben uns hier von der TAZ abgeschaut, dass der Vorstand bzw. die Geschäftsführung von den Mitarbeitern gewählt und nicht einfach vom Aufsichtsrat eingesetzt wird. Dahinter steht die Überlegung, dass die Mitarbeiter das Unternehmen am besten kennen und daran interessiert sind, dass das Unternehmen ihnen auch langfristig einen Arbeitsplatz bietet. Man ist als Mitarbeiter also nicht der Geschäftspolitik ausgeliefert, sondern es entsteht ein konstruktives gegenseitiges, dezentrales Abhängigkeitsverhältnis.

Auch nach Aussen tun wir alles, um mit fairen Partnern zusammenzuarbeiten. Da wo es nicht geht, weil unpraktikabel oder schlicht nicht finanzierbar, werden wir das auch öffentlich kommunizieren. Denn absolute Transparenz ist ein sehr wichtiger Aspekt der Genossenschaft 2.0. Wir haben die Anteile mit 50 Euro sehr günstig gemacht, um wirklich jedem eine Mitgliedschaft zu ermöglichen. Und jedes Mitglied hat unabhängig von seinem Anteil eine gleichwertige Stimme. Diese demokratische Kontrollinstanz ist auch wichtig für die Grundprinzipien des Unternehmens, da dadurch gemeinschaftlich gesteuert werden kann, wie sich das Unternehmen entwickelt. Im Zweifelsfalle kann und soll das Unternehmen auch zur Verantwortung gezogen werden können.

Die Genossenschaft 2.0 ist allerdings noch kein vollendetes Projekt, sondern ein erster Versuch das Modell der Genossenschaft durch ein paar Punkte zu erweitern und als Open-Source weiterzugeben, damit es andere für ihre Bedürfnisse weiterentwickeln können, um das Wissen idealerweise auch wieder zu teilen.

 

Ihr habt neben dem Fair Founding Point System aber auch normale fest Angestellte.

Ja, es gibt Leute, die seit April ein festes Gehalt bekommen. Alle hatten davor Monate lang unentgeltlich Vollzeit für Fairnopoly gearbeitet und konnten in dieser Phase viele Fair Founding Points sammeln. Wir mussten ab einem bestimmten Zeitpunkt ein festes Team zusammenbekommen, um gezielt am Produkt zu arbeiten. Die festen Mitarbeiter erhalten ein Gehalt und lediglich für Überstunden ebenfalls FFPs.
Das Mitentscheidungsrecht von Mitarbeitern und Teilhabern wirkt sich nicht behindernd auf den Geschäftsalltag aus?

Das normale Alltagsgeschäft wird natürlich von der Geschäftsführung geleitet. Man setzt sich nicht für jede Entscheidung zusammen und diskutiert das ganze. Natürlich müssen in einer Genossenschaft wie in einer GmbH auch schnelle Entscheidungen getroffen werden. Aber in der Mitgliederversammlung bzw. Generalversammlung, die sich einmal im Jahr trifft werden Richtlinien vorgegeben, die Satzung gegebenenfalls geändert und die langfristigen Schritte des Unternehmens besprochen. Zudem streben wir eine dezentrale Struktur an, in der die Mitarbeiter in ihren jeweiligen Bereichen Entscheidungen treffen und die Geschäftsführung den Überblick behält. Im Sinne der Transparenz bringen sich die Bereiche in den wöchentlichen Teammeetings auf den neuesten Stand.
Es gibt noch weitere Aspekte von Fairnopoly, die das Sozialunternehmen interessant machen. Ihr fördert ein Anti-Korruptionsprojekt und konzentriert euch u.a auf Fairtrade-Produkte.

Die Förderung von verantwortungsvollem Konsum ist natürlich ein wichtiges Kernelement von Fairnopoly. Wir wollen einen Massenmarktplatz für alle Bürger schaffen, die etwas bieten können, wie gebrauchte Produkte, ressourcenschonende Produkte und fair gehandelte Produkte. Für letztere gelten begünstigte Handelsoptionen. Desweiteren soll durch jede Transaktion, die auf der Plattform geleistet wird, ein Anteil an korruptionsbekämpfende Organisationen fließen.

 

Genossenschaft 2.0. – ein zukunftsfähiges Modell auch international gesehen?

Ich halte Genossenschaften für die im Moment zukunftsfähigste Form des Wirtschaftens. Gerade für Sozialunternehmen, wo es meistens darum geht, möglichst viele Menschen einzubinden und teilhaben zu lassen, ist es eigentlich das ideale Prinzip. Genossenschaft mit Crowdfunding zu kombinieren ist zudem ein ausgezeichnetes Finanzierungsmodell, da es ermöglicht, unabhängiges Eigenkapital aufzubauen, ohne von Großinvestoren abhängig zu sein. Die vielen Kleininvestoren des Unternehmens fördern auch eine besondere Form der Kundenbindung und Unternehmens-Identifikation. Jedes Unternehmen versucht das meist durch aufwändige Marketingstrategien zu erreichen. Beim Genossenschaftsmodell funktioniert diese Form der Rückkopplung ganz einfach und vor allem sehr authentisch durch die aktive Beteiligung der Kunden am Unternehmen.

 

Ganz pragmatisch: Wie sehen die einzelnen Schritte der Genossenschaftsgründung aus?

Erst einmal muss man eine Satzung entwickeln und eine Gründungsversammlung abhalten, welche diese Satzung annimmt. Damit ist die Genossenschaft bereits gegründet, befindet sich also in Gründung (eG i.G.). Um die Satzung zu entwickeln haben wir kostenlose Beratung vom Zentralverband der Konsumgenossenschaften (Anmerkung: Es gibt noch andere Zentralverbände) in Anspruch genommen, die uns später auch beim Prüfungsprozess unterstützt haben. Das sollte man auf jeden Fall tun.

Der nächste Schritt ist es dann, diese Satzung einem Prüfungsverband vorzulegen, der eine Gründungsprüfung vornimmt. Dabei wird auch der Geschäftsplan geprüft, um zu sehen, ob das Geschäftsmodell Aussicht hat, erfolgreich zu sein. Das ist in der Tat eine Art Wirtschaftsprüfung. Das ist durchaus eine kleine Hürde, die Zeit kostet und öfter mal Nachbesserungen erfordert. So etwas kann schon mal 4-6 Wochen oder länger dauern. Diesem Prüfungsverband muss man schließlich auch beitreten und wird von ihm alle zwei Jahre geprüft. Ab 2 Mio. Jahresumsatz dann auch jährlich. Diesen Prozess sehe ich allerdings als sehr positiv, weil durch die Unterstützung und Prüfung der verschiedenen Instanzen eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit gewährt wird. Genossenschaften haben zum Beispiel ein fünfmal niedrigeres Insolvenzrisiko als andere Unternehmensformen.

Letzter Schritt ist dann die Eintragung in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht, wo die Satzung auch ebenfalls abgenommen werden muss, was auch wieder etwas Zeit kostet.

 

Alles Zusammen scheint man also schon ein wenig Zeit für die Gründung einplanen zu müssen.

Nunja, der gesamte Ablauf war bei uns aufgrund des recht umfangreichen Modells natürlich schon etwas langsamer. Aber es kann auch weitaus schneller gehen, vor allem, da man sich in Zukunft auf uns als Präzedenzfall berufen kann.

Wir haben beim formellen Gründungsprozess sehr hilfreiche Unterstützung vom ZDK (www.zdk.coop) erhalten.

Wer an unserem Modell interessiert ist, darf es komplett oder Teile davon gerne übernehmen oder uns kann auch für eine Beratung kurz kontaktieren. Wir halten auch regelmäßig Workshops zu diesem Thema und denken darüber nach einen Verein zu gründen, der sich nur darauf konzentriert, Workshops zum Thema Genossenschaft 2.0 zu geben. Aber das sind im Moment nur Ideen. Dafür bräuchten wir vor allem auch weitere ehrenamtliche Mitarbeiter.

 

Wie erklärst du dir das Revival der Genossenschaften?

Ich bin kein Spezialist, aber ich denke, es gibt in der Gesellschaft durchaus ein Bewusstsein dafür, dass Wirtschaft fairer und demokratischer sein könnte, als es im Moment der Fall ist. Mehr Transparenz und Kontrollierbarkeit ist gefragt, aber ohne dabei die Politik auf den Plan rufen zu wollen. Es geht darum, von unten herauf etwas zu ändern. Gerade bei jüngeren Leuten genießt die Genossenschaft jedoch noch ein recht angestaubtes, fast sozialistisches Image. Hier müssen erst einmal Vorurteile abgebaut werden. Ich dachte zuerst auch, dass eine Genossenschaft schwerer zu steuern sei und die wirtschaftliche Ausrichtung zu schnell ins Hintertreffen geraten könnte. Aber das ist absolut nicht der Fall. Im Gegenteil: die Genossenschaft verhindert den prekären Mechanismus der Abhängigkeit von Großinvestoren, welche größtenteils die Steuerrichtung und -Geschwindigkeit des Unternehmens bestimmen würden. Ohne diese ist das Unternehmen unabhängiger und kann sozial gerechter agieren.

 

Thema Crowdfunding: Ihr ward da ja sehr erfolgreich durch Schwarmfinanzierung. Was sind eure drei ultimativen Tipps?

Ich würde zunächst mal die für mein Projekt passende Plattform auswählen und jemanden von dort auch gleich in Verbindung treten. Die haben meistens viele gute Ideen, wie man die Kampagne optimieren kann. Wir selber haben tatsächlich viele Unterstützer über die Plattform selber gefunden.

Dann ist es natürlich wichtig, eine gute Geschichte zu erzählen. Man muss die Leute abholen und gleich Vertrauen in die Sache schaffen. Auch die Geschichte kurz und klar rüberzubringen ist wichtig, was u.U. garnicht so einfach ist.

Und als drittes sollte die Aktion wirklich gut vorbereitet sein. So ist es zum Beispiel sehr hilfreich, wenn während der Crowdfunding-Phase auch anderweitig eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt werden kann. Man sollte hier wirklich alle Kanäle nutzen, die einem zur Verfügung stehen.

 

Demnächst soll Fairnopoly als Handelsplattform online gehen. Unter www.fairnopoly.de erhält man noch mehr ausführliche Informationen über das Unternehmen und seine Zielsetzungen. Auch sind weiterhin Genossenschaftsanteile zeichenbar. Ich wünsche allen Machern und Unterstützern viel Erfolg!

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